Säure-Basen-Haushalt beim Hund: Regulation, Belastungen und ganzheitliche Zusammenhänge

Veröffentlicht am 11. Oktober 2026 um 15:28

Der Organismus eines Hundes arbeitet ständig daran, sein inneres Milieu stabil zu halten. Dazu gehört auch der Säure-Basen-Haushalt.

Bei Verdauung, Energiegewinnung und Stoffwechsel entstehen fortlaufend Säuren und Basen. Gleichzeitig nimmt der Hund über seine Nahrung unterschiedliche Mineralstoffe und Verbindungen auf, die ebenfalls Einfluss auf die Säureausscheidung haben können.

Ein gesunder Organismus kann diese Schwankungen normalerweise sehr gut ausgleichen. Lunge, Nieren und körpereigene Puffersysteme arbeiten dabei eng zusammen. Störungen des Säure-Basen-Haushalts können jedoch auftreten – insbesondere bei Erkrankungen, Veränderungen der Nieren- oder Atemfunktion, starkem Flüssigkeitsverlust oder anderen erheblichen Stoffwechselbelastungen.

Aus ganzheitlicher Sicht interessiert mich darüber hinaus nicht nur die Frage:

„Ist der Blut-pH verändert?“

Sondern auch:

Wie viel Regulationsarbeit muss der Organismus leisten, welche Belastungen bestehen gleichzeitig und wie gut funktionieren die Systeme, die an Ausscheidung und Stoffwechsel beteiligt sind?

Darstellung von Lunge, Nieren und Verdauungsorganen beim Hund als Teil der Säure-Basen-Regulation

Wie der Säure-Basen-Haushalt reguliert wird

Was bedeutet Säure-Basen-Haushalt überhaupt?

Der pH-Wert des Blutes wird innerhalb enger Grenzen reguliert. Größere Verschiebungen wären für den Organismus gefährlich.

Dabei arbeiten verschiedene Systeme zusammen:

Puffersysteme im Blut und Gewebe können Säuren kurzfristig abfangen.

Die Lunge beeinflusst über die Abatmung von Kohlendioxid den Säure-Basen-Haushalt sehr schnell.

Die Nieren können Säuren ausscheiden und Bicarbonat zurückhalten beziehungsweise neu bilden. Sie spielen deshalb eine besonders wichtige Rolle für die längerfristige Regulation. 

Dieses Zusammenspiel zeigt bereits sehr schön, warum ich den Säure-Basen-Haushalt nicht als isoliertes Thema betrachte. Atmung, Nierenfunktion, Stoffwechsel, Flüssigkeitshaushalt und Ernährung greifen ineinander.

 

„Übersäuerung“ und medizinische Azidose sind nicht dasselbe

Dieser Unterschied ist wichtig.

Eine medizinische Azidose ist eine konkret diagnostizierbare Störung des Säure-Basen-Haushalts. Eine metabolische Azidose kann beispielsweise bei schwerer Nierenerkrankung, Verlust von Bicarbonat über den Verdauungstrakt, diabetischer Ketoazidose oder anderen Stoffwechselstörungen auftreten. Daneben gibt es respiratorische Säure-Basen-Störungen, bei denen die Atmung eine zentrale Rolle spielt.

Der Begriff „Übersäuerung“, wie er in der Naturheilkunde verwendet wird, meint dagegen häufig etwas anderes: eine erhöhte Säurebelastung beziehungsweise einen Organismus, dessen Regulations- und Ausscheidungssysteme stärker beansprucht werden.

Ich halte es deshalb nicht für sinnvoll, beide Begriffe gleichzusetzen.

Gleichzeitig wäre es aber ebenfalls zu einfach zu behaupten, Ernährung oder Stoffwechsel hätten grundsätzlich keinerlei Einfluss auf die Säurebelastung. Untersuchungen bei Hunden zeigen durchaus, dass unterschiedliche Futterzusammensetzungen die renale Säureausscheidung und den Urin-pH beeinflussen können. Unter experimentellen Bedingungen konnte durch eine entsprechend zusammengesetzte Ration sogar eine metabolische Säurebelastung erzeugt werden.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

„Ist der Hund übersäuert – ja oder nein?“

Sondern vielmehr:

Welche Regulationsleistung findet gerade statt und warum?

Ernährung und Säurebelastung

Welche Rolle spielt die Ernährung?

Lebensmittel beziehungsweise Futtermittel liefern nicht einfach „Säure“ oder „Base“. Entscheidend ist unter anderem, welche Stoffwechselprodukte nach ihrer Verarbeitung im Körper entstehen.

Proteinreiche Futtermittel können beispielsweise schwefelhaltige Aminosäuren und Phosphor liefern, deren Stoffwechsel zur nichtflüchtigen Säurelast beiträgt. Kalium-, Magnesium- und andere Mineralstoffverbindungen können dagegen stärker alkalisch wirkende Komponenten liefern.

Dass die Zusammensetzung der Nahrung beim Hund die Säureausscheidung beeinflussen kann, ist experimentell gut nachvollziehbar. Unterschiedliche Diäten verändern beispielsweise den Urin-pH, und auch therapeutische Futtermittel werden gezielt genutzt, um das Harnmilieu zu beeinflussen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Fleisch oder Eiweiß grundsätzlich „schlecht“ oder „übersäuernd“ wären. Hunde benötigen hochwertiges Protein.

Für mich stellt sich stattdessen die Frage:

  • Wie viel Protein benötigt dieser Hund tatsächlich?
  • Wie hochwertig und gut verdaulich ist es?
  • Welche weiteren Komponenten enthält die Ration?
  • Wie sieht die Mineralstoffversorgung aus?
  • Wie funktionieren Verdauung und Nieren?
  • Bestehen Erkrankungen, die den Stoffwechsel verändern?

Auch Untersuchungen zum Mikrobiom zeigen, dass sehr unterschiedliche Proteinmengen beim Hund nicht nur die Eiweißversorgung, sondern auch Darmstoffwechsel und mikrobielle Zusammensetzung verändern können. Das verdeutlicht erneut, dass Fütterung mehr bewirkt als lediglich die Zufuhr einzelner Nährstoffe.

 

Gemüse, Obst und „basenbildende“ Bestandteile

In der Naturheilkunde werden Gemüse und bestimmte pflanzliche Lebensmittel häufig als basenbildend bezeichnet.

Der Begriff ist vereinfacht, hat aber einen nachvollziehbaren Hintergrund: Pflanzliche Lebensmittel können vergleichsweise viele Kalium- und Magnesiumverbindungen sowie organische Anionen liefern, aus denen im Stoffwechsel unter anderem Bicarbonat entstehen kann.

In der Humanmedizin wird deshalb mit Konzepten wie dietary acid load oder potential renal acid load (PRAL) gearbeitet. Eine höhere Zufuhr von Obst und Gemüse ist dabei typischerweise mit einer niedrigeren renalen Säurelast verbunden. Die Übertragbarkeit solcher Modelle auf Hunde ist allerdings nicht 1:1 untersucht. doi.org

Für die Hundeernährung würde ich daraus deshalb keine pauschale „Basendiät“ ableiten.

Eine bedarfsgerecht zusammengestellte Ration mit geeigneten Gemüse- und gegebenenfalls Obstanteilen kann aber sehr wohl Teil einer ausgewogenen Fütterung sein – und liefert neben Mineralstoffen auch Ballaststoffe und zahlreiche sekundäre Pflanzenstoffe.

 

Der Urin-pH erzählt nicht die ganze Geschichte

Ein Punkt ist mir besonders wichtig: Ein saurer Urin bedeutet nicht automatisch, dass der ganze Hund „übersäuert“ ist.

Der Urin ist gerade ein Weg, über den der Körper überschüssige Säuren ausscheidet. Sein pH kann deshalb durch Ernährung, Tageszeit, Medikamente, Erkrankungen und zahlreiche weitere Faktoren beeinflusst werden.

Bei gesunden Hunden zeigte sich beispielsweise, dass unterschiedliche Diäten den Urin-pH verändern konnten, während andere Blutparameter weitgehend stabil blieben. PubMed

Eine einzelne Urin-pH-Messung eignet sich deshalb nicht, um daraus pauschal eine systemische Übersäuerung abzuleiten.

Das heißt für mich aber wiederum nicht, dass Urinwerte bedeutungslos wären. Sie können im richtigen Zusammenhang durchaus zusätzliche Informationen liefern – nur sollten sie nie isoliert interpretiert werden.

Wenn die Regulation aus dem Gleichgewicht gerät

Relevante Verschiebungen können unter anderem auftreten bei:

  • Nierenerkrankungen,
  • starkem oder länger anhaltendem Durchfall,
  • ausgeprägtem Erbrechen,
  • diabetischer Ketoazidose,
  • schweren Kreislauf- und Stoffwechselstörungen,
  • Veränderungen der Atmung,
  • Flüssigkeits- und Elektrolytstörungen,
  • bestimmten Vergiftungen oder Medikamenteneinflüssen.

Gerade die Niere ist hier zentral. Sinkt ihre Fähigkeit, Säuren auszuscheiden beziehungsweise Bicarbonat zu erhalten, kann sich eine metabolische Azidose entwickeln. Deshalb gehört der Säure-Basen-Haushalt beispielsweise bei chronischer Nierenerkrankung durchaus zum therapeutischen Gesamtbild.

 

Wo kommt Stress ins Spiel?

Stress ist auch hier kein einfacher „Säureproduzent“.

Er kann jedoch Atmung, Hormonsystem, Verdauung, Kreislauf, Futteraufnahme und Stoffwechsel beeinflussen. Akute Veränderungen der Atmung können sogar direkt zu respiratorischen Verschiebungen des Säure-Basen-Haushalts führen.

Bei chronischer Belastung interessiert mich aus ganzheitlicher Sicht deshalb weniger die Aussage:

„Stress macht den Körper sauer.“

Interessanter ist:

Welche physiologischen Systeme werden durch die dauerhafte Belastung verändert und wie gut kann dieser Hund insgesamt regulieren?

Damit wird Stress Teil des Gesamtbildes, ohne daraus eine unbelegte einfache Kausalität abzuleiten.

Ganzheitliche Zusammenhänge im Organismus

Ganzheitlich betrachtet: Leber, Nieren, Darm und Stoffwechsel

Wenn wir über Säure-Basen-Regulation sprechen, stehen die Nieren medizinisch besonders im Vordergrund. Ganzheitlich lohnt sich aber ein weitergehender Blick.

Die Nieren scheiden nichtflüchtige Säuren aus und regulieren Bicarbonat.

Die Lunge reguliert Kohlendioxid.

Der Darm beeinflusst Aufnahme, Verlust und Stoffwechsel zahlreicher Mineralstoffe und organischer Verbindungen.

Die Leber ist zentral an Protein-, Fett- und Energiestoffwechsel beteiligt und verarbeitet zahlreiche Stoffwechselprodukte.

Hinzu kommen Flüssigkeitshaushalt, Elektrolyte, Muskulatur und Ernährung.

Aus naturheilkundlicher Sicht bedeutet dies für mich nicht, automatisch jedes dieser Organe zu „behandeln“. Entscheidend ist vielmehr, wo sich aufgrund von Anamnese, Symptomen und Befunden tatsächlich Unterstützungsbedarf zeigt.

Naturheilkundliche Begleitung

Welchen Platz hat Naturheilkunde?

Eine naturheilkundliche Begleitung kann je nach Situation beispielsweise bei Ernährung, Verdauung, Flüssigkeitsversorgung und der Unterstützung physiologischer Organfunktionen ansetzen.

Phytotherapeutische Ansätze werden in der integrativen Veterinärmedizin zunehmend als Teil multimodaler Behandlungskonzepte betrachtet. Moderne veterinärmedizinische Literatur beschreibt dabei gerade den Mehrkomponenten- und Multitarget-Charakter pflanzlicher Arzneimittel – weist aber gleichzeitig auf Dosierung, Qualität und mögliche Wechselwirkungen mit Medikamenten hin.

Auch integrative Veterinärmedizin versteht Ernährung, Pflanzenmedizin, Akupunktur und andere komplementäre Verfahren nicht zwingend als Alternative zur konventionellen Medizin, sondern als mögliche Bestandteile eines gemeinsamen Behandlungskonzeptes.

Welche Unterstützung sinnvoll ist, hängt deshalb immer vom individuellen Hund ab.

Eine medizinisch relevante metabolische Azidose lässt sich nicht durch ein wenig Gemüse oder ein „Basenpulver“ behandeln. Sie erfordert zunächst die Diagnose und Behandlung ihrer Ursache.

Ebenso wenig muss aber jeder Hund mit einem physiologisch normalen Blut-pH automatisch als vollkommen unbelastet betrachtet werden. Zwischen diesen beiden Extremen liegt für mich der interessante Bereich einer ganzheitlichen Betrachtung.

 

Muss man den Hund „entsäuern“?

Mit dem Begriff wäre ich vorsichtig.

Ich würde nicht versuchen, den pH-Wert eines gesunden Hundes möglichst „basisch“ zu machen. Der Organismus hält seinen pH aus gutem Grund innerhalb enger Grenzen.

Sinnvoller finde ich die Frage:

Können wir die physiologischen Regulationsmechanismen unterstützen und vermeidbare Belastungen reduzieren?

Das kann beispielsweise bedeuten:

  • eine individuell bedarfsgerechte Fütterung,
  • ausreichende Flüssigkeitsaufnahme,
  • eine gute Versorgung mit Mineralstoffen und Mikronährstoffen,
  • bestehende Verdauungsprobleme ernst zu nehmen,
  • Nieren-, Leber- oder Stoffwechselerkrankungen zu berücksichtigen,
  • unnötige Futter- und Supplementexperimente zu vermeiden,
  • Belastungs- und Stressfaktoren nicht völlig auszublenden.

Das ist weniger spektakulär als eine „Entsäuerungskur“ – aus meiner Sicht aber wesentlich sinnvoller.

Wann genauer untersucht werden sollte

Wann sollte genauer untersucht werden?

Symptome wie starke Schwäche, ungewöhnliche Atmung, wiederholtes Erbrechen oder Durchfall, Austrocknung, deutlicher Gewichtsverlust oder erhebliche Veränderungen von Futter- und Wasseraufnahme gehören tierärztlich abgeklärt.

Eine tatsächliche Säure-Basen-Störung wird über klinische Befunde sowie Blutgas-, Elektrolyt- und weitere Laboruntersuchungen beurteilt. Je nach Situation können dabei Bicarbonat, Kohlendioxid, Anionenlücke und weitere Parameter eine Rolle spielen.

Fazit - Balance statt „sauer gegen basisch“

Der Säure-Basen-Haushalt ist kein einfaches Gegeneinander von „guten basischen“ und „schlechten sauren“ Lebensmitteln.

Er ist ein dynamisches Regulationssystem, an dem Lunge, Nieren, Stoffwechsel, Ernährung, Verdauung, Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt beteiligt sind.

Gleichzeitig beeinflusst die Ernährung durchaus, welche Säurelast verarbeitet und über die Nieren ausgeschieden werden muss. Genau deshalb halte ich es weder für sinnvoll, den naturheilkundlichen Gedanken einer Säurebelastung grundsätzlich abzutun, noch aus jedem sauren Urin eine „Übersäuerung“ abzuleiten.

Ganzheitlich bedeutet für mich auch hier:

nicht nur einen Wert betrachten, sondern fragen, wie gut der gesamte Organismus regulieren kann und welche Faktoren ihn dabei möglicherweise belasten.

Quellen

 

  • Hopper K.: Acid-Base – aktueller veterinärmedizinischer Review zu Regulation, Diagnostik und Säure-Basen-Störungen beim Hund. PubMed
  • Gleaton HK, Bartges JW, Laflamme DP: Untersuchung zum Einfluss unterschiedlicher Diäten auf Urin-pH und biochemische Parameter gesunder Hunde.
  • Zijlstra WG et al.: experimentelle Untersuchung zum Einfluss einer definierten Ernährung auf renale Säureausscheidung und Säure-Basen-Status beim Hund.
  • Parker VJ.: Nutritional Management for Dogs and Cats with Chronic Kidney Disease – zur Verbindung von Ernährung, Nierenfunktion und Stoffwechsel.
  • Wieërs MLAJ et al.: Dietary acid load in health and disease – aktueller Review zum Konzept der nahrungsbedingten Säurelast; überwiegend humanmedizinisch und daher nur ergänzend auf Hunde übertragbar.
  • Fougere B.: Western Botanical Medicine for Small Animals: A Pathway to Integrative Veterinary Care – zur Rolle veterinärmedizinischer Phytotherapie innerhalb integrativer Behandlungskonzepte.
  • Memon MA, Xie H. (Hrsg.): Integrative Veterinary Medicine – evidenzorientierte Verbindung konventioneller und komplementärer veterinärmedizinischer Ansätze.